„Epistemic Entertainment“: Hollywood’s Kolonialismus-, Kapitalismus-, und Konsum-Kritik im Wandel der Zeit
“Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich.“( Heinrich Kleist 1801 in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, um ihr sein Verständnis von Kant’s Grenzen der Erkenntnis zu verbildlichen. )

Natürlich war Hollywood-Kino schon immer auch Erziehung, Bildung und kulturelle Werte-Vermittlung in Unterhaltung verpackt. Durch die „grünen Gläser“ einer fiktionalen Geschichte gesehen, ist die Realität immer eher verdaulich oder anschaulich als die direkte Konfrontation mit der eigenen Lebenswirklichkeit, in die man manchmal blind – unbewußt oder gewollt – hineinlebt. Der „Man in the Mirror“ soll lieber erstmal auf der Leinwand gespiegelt werden, bevor ich selbst in der Wirklichkeit in den Spiegel schaue und in meiner eigenen Story echten „Change“ starte. Und so wurden dem amerikanischen Volk – bei seiner guten, alten Erzähl-Tante Hollywood auf dem Schoss sitzend – schon immer die eigene Vergangenheit und Zukunft, Hoffnung und Verzweiflung, Schuld und Sühne, die eigenen Konflikte, der Lebensstil, die aktuellen Gesellschafts-Themen und der Umtrieb des jeweiligen Zeitgeists mithilfe von Filmen vermittelt.
Auch „Avatar – Fire & Ash“ bespielt die großen Zeitgeist-Themen und das (pop-)kulturelle Gedächtnis der Amerikaner:innen: Die Gewalt als Fundament der US-amerikanischen Geschichte und Kultur, Militarismus, Kolonialismus und Ausbeutung, der historische Genozid und die gewaltsame Landnahme durch die europäischen Siedler an der nativen Bevölkerung Amerikas, Rassismus, Sklaverei, Industrialisierung, der technische Fortschritt, die massive Naturzerstörung des amerikanischen Kontinents, Fortschritt, die Große Beschleunigung, der Raubtier-Kapitalismus mit seinen globalen Industrie-, Finanz-, Militär- und Tech-Konzernen, der Raubbau an der Natur, der Exzess-Konsumismus, das Trauma des Vietnamkriegs („This is not Kansas anymore!“), die Klimakatastrophe, der globale Ökozid, bis hin zur Polarisierung und Spaltung der amerikanischen Gesellschaft tief in die Familien hinein, dem Fortbestand von echtem Rassismus und falschem Nationalismus, die Bekriegung der Wissenschaften und der Aufstieg von Populisten.
In eine gute Geschichte verpackt lässt uns ein Film aus unserer eigenen Realität heraustreten und mit anderen Augen über sie nachdenken. Die Lust an Spekulation („Was wäre wenn?“) oder Vergleich („Das ist wie…“) ist der Teil in uns, der uns als sehr neugierige und nachdenkliche Wesen zu Menschen macht. Der Mensch lebt nicht vom Popcorn allein, und wer denkt, Bildung und Unterhaltung seien zwei verschiedene Dinge, habe weder das Eine noch das Andere verstanden – so Marshall McLuhan.
Viele Filme haben den Erkenntnis-Prozess selbst zum Thema ihres Storytellings gemacht, und das Science-Fiction-Genre als Alternativ-Welt genutzt, um über die Realität (und wie wir sie wahrnehmen) unbefangen und losgelöst, kritisch und konstruktiv – und vor allem: phantasievoll und unterhaltsam – berichten zu können : „Soylent Green“ (1973), „They live!“ (1988), „Matrix“ (1999) – aber eben auch „Avatar“ (2009) sind dafür Beispiele.
Erkenntnis und Empathie wurden schon damals in den 80ern bei Carpenter’s „They live!“ als ein drängendes Verdrängungsproblem der modernen Kapitalismus- und Konsumgesellschaft thematisiert, aber beim aktuellen Film „Fire & Ash“ verbleiben modernen Geschichten-Erzählern wie James Cameron nur noch wenige Jahre, um einem großen Publikum in gute Unterhaltung verpackte Erkenntnis- und Empathie-Erziehung zu vermitteln – denn die Traumfabrik Hollywood lag selbst schon letzten Sommer ganz real in „Fire and Ash“: Das Drama in der echten Welt beginnt den Silverscreen des Storytellings anzuflämmen, und James Cameron selbst sagt, es sei jetzt schwierig geworden, heute noch Science-Fiction zu machen, da die dramatischen Entwicklungen in unserer Wirklichkeit die Science-Fiction seiner Tage überholen.
Von John Carpenter’s Hoffmann-Brillen in „They live!“ 1988 bis hin zum „I see you!“ in James Cameron’s „Avatar: Fire & Ash“ war es ein langer Entwicklungs-Weg, wie Erkenntnis-Prozesse und Empathie-Vermögen im Hollywood-Kino einem größeren Popcorn-Publikum dargestellt werden.
Geprügelt darum – um die Erkenntnis, ihre Verkündung und Verwirklichung – wird sich in den Filmen aber seit eh und je auf die selbe Art und Weise. Das blieb bisher immer gleich im Hollywood-Action-Kino fürs Großpublikum: Gewalt ist seit jeher und durchgehend ultima ratio, um gewonnene Erkenntnis dann schließlich auch durch- und umzusetzen: gewaltsam. Selbst die zartfühlendste, dem Leben liebevoll verbundene Philosophie-Erkenntnis – in „Avatar“ ist es die Gaia-Hypothese („Eywa“) – wird am Ende mit Faustschlägen und Panzerfäusten durchgesetzt. Der Protagonist in „They live!“ muß sich erst mit seinem Freund halb totschlagen, bis dieser sich endlich – sprichwörtlich niedergeschlagen – auch die Hoffmann-Brille aufsetzen läßt und endlich die Welt so sieht, wie sein Freund sie sieht. Mit der aufgezwungenen Brille auf der Nase durchläuft er dann den selben Erkenntnisprozess, und die beiden teilen schließlich wieder eine gemeinsame Weltsicht und können von da an gemeinsam gegen die erkannten Probleme und ihre Ursachen angehen. In „Avatar – Fire and Ash“ hingegen, wählt der Antagonist Colonel Miles Quaritch nach einer dramatischen Prügelei mit dem Protagonisten Jake Sullivan lieber den Freitod, statt die wahre Realität von Pandora zu erkennen und für sich anzuerkennen. Der symbolische Verweigerungs-Tod des Colonels inszeniert Cameron als Allegorie auf die aktuelle, bipolare Gesellschafts-Spaltung in den USA über die Deutungshoheit von Wirklichkeit, bzw. die Verweigerung von (wissenschaftlicher) Erkenntnis (durch die MAGA-Bewegung).
Der Einzige, der in diesem fortwährenden Kampf um Erkenntnis für seinen Erkenntnis-Prozess weder Brille, Prügelei noch Kuru braucht, ist der Biologe Ian Garvin in „Avatar – Fire and Ash“. Sein Erkennen der Realität beruht auf wissenschaftlicher Erkenntnis und liebevoller Empathie für das Leben und die Natur und sind sein Antrieb, den Ökozid der Menschen auf Pandora zu beenden. Nur widerwillig – und sichtlich überfordert davon – setzt er (defensive) Gewalt ein, um den gefangenen Jack Sullivan zu befreien. Cameron macht ihn zum heimlichen Helden von „Fire & Ash“ und setzt den Wissenschaften und ihrer inzwischen frustrierten – weil vom Rest der Menschen ignorierten – Erkenntnisarbeit in seinem jüngsten Werk ein ähnliches Denkmal wie Frank Herbert den „dry-land ecologists“ mit der Figur des Geologen Liet Kynes in „Dune“.
Nach der Erkenntnis – „Wir werden ausgebeutet!“ („Soylent Green“, „They live!“, „Matrix“), „Wir beuten aus!“ („Avatar“) – kommt in der Story dieser Filme die a posteriori Urteilsbildung und die daraus abgeleitete Handlungsmaxime der Held:innen: Was tun, nun, da man weiß, wie die Sache läuft und klar ist, was Ursache von Ausbeutung oder Ausrottung ist? Welche Haltung soll man zur entdeckten Wahrheit an- und einnehmen? Die Haltung nach der Erkenntnis ist sowohl in „Sie leben!“, als auch in „Avatar“ eine Opferbereitschaft des Erkennenden für die Offenlegung der entdeckten Wahrheit und ihre Verkündung: In „They live!“ opfert sich der Protagonist John Nada selbst und gibt sein Leben, um alle Menschen an der von ihm erkannten Wahrheit teilhaben zu lassen (er zerstört einen Alien-Sender, der die Wahrnehmung der Menschen mit einem Störsignal täuscht). Das passiert auch in „Soylent Green“ am Ende des Films in der Kirche, wenn Detective Thorn die schreckliche Wahrheit über „Soylent Green“ schwer verletzt von der Tragbahre aus den Menschen zuruft. In „Matrix“ führt das Opfer des Helden zu seiner Transformation in ein neues Wesen, das die beiden gegensätzlichen Welten – neuro-interaktive Simulation und postapokalyptische Wirklichkeit – auf einer neuen, mächtigeren Daseins-Ebene als Synthese integriert und das Potential hat, die Sklaverei der Menschen zu beenden. In „Avatar: Fire & Ash“ geht die Erkenntnis sogar soweit, daß es bei der resultierenden Handlungsmaxime fast zu einer biblischen Opfer-Szene kommt: Der Vater zwingt sich, seinen Sohn zu opfern, um Pandora vor einem Missbrauch der Synthese aus Menschen- und Pandorawelt zu retten, die in seinem Sohn auf wunderbare Weise stattgefunden hat. Aber die Liebe hält ihn schließlich davon ab, und er vertraut sich der Hoffnung an, eine andere Lösung für seine Familie und den Erhalt des Lebens auf Pandora zu finden. Was im Ende auch gelingt: Eywa – das Leben auf Pandora – ist nicht nur miteinander als „Netz des Lebens“ (Alexander von Humboldt) verbunden, sondern wird sich durch Eywa’s Manifestation in Kiri auch seiner selbst bewußt und handlungsfähig. Der Spott der Feuer-Zauberin Varang (vgl. „Exxon Mobil“, „Chevron“ und der US-amerikanische industriell-militärische Komplex) über die bisher anscheinend macht- und wirkungslose „Eywa“ (vgl. Biosphäre) angesichts der Vernichtungs-Macht von Feuer und Gewalt (vgl. Fossil- und Militärindustrie) verstummt im Angesicht von Eywa’s Erwachen in Kiri. Und kaum kann Eywa handeln und eingreifen, greift auch sie – wer hätte es gedacht? – ebenfalls zum ultima ratio des Action-Kinos: Gewalt. Da ist sie wieder. Dieses Mal in Form entfesselter Naturgewalt im sprichwörtlichen Sinne. Kiri wird zur inkarnierten telepathischen Rachegöttin der Erdmutter und hetzt der invasiven Menschenart Pandora’s komplette Fauna und Flora zähnefletschend, würgend und Menschenstahl-zertrümmernd an den Hals – inklusive der friedliebenden, matriarchal geführten Tulkune. Was ist die Botschaft des Films? Gewalt ist eine Lösung? Wahrscheinlich nicht, denn die nächste Welle an „Himmelsmenschen“ wird mit ihren Raumschiffen an den Gestaden Pandora’s anlanden, wie es bereits die europäischen Siedler an Nordamerika’s Küsten wieder und wieder getan haben, und der Kampf könnte sich so ewig, zumindest aber bis Avatar Teil 4 oder 5, weiterziehen. Das wiederum ist ironischerweise die kapitalistische Wiedergeburt der Kapitalismus-Kolonialismus-Kritik „Avatar“: Die Gewalt im Film muß weitergehen, damit der nächste Avatar-Film produziert werden kann, denn ohne Gewalt kein Action-Kino. So wie auf unserem eigenen Planeten die Ausbeutung der Natur bis zu ihrer Ausrottung weitergehen muß, denn ohne Ausbeutung der Natur, gibt es nach unserem Verständnis bisher keine menschliche Zivilisation. Dass das ein Glaubenssatz ist, den man überwinden kann, zeigt uns Cameron weniger in der fortwährend gewalttätigen Handlung des Films (bis hin zur schwer ertragbaren Militarisierung von Kernfamilie, wenn der Sohn seinen Vater als Befehlsempfänger mit „Sir“ anreden muss), die sich immer gleich wiederholend in einer immer spektakuläreren Gewaltspirale hoch- und weiter-schraubt, sondern eher in den Allegorien, die er im world building und production design von Pandora kreiert hat. Neben der spektakulären Gewalt kann Hollywood eben auch spektakulär komplexe und kreative Gedanken(-Gebäude) visualisieren, und darin liegt vielleicht die wahre Botschaft des Films. Mit vielen Allegorien und visuellen Metaphern macht Cameron in seinem visual design von „Avatar“ deutlich, um was es ihm im Kern geht: Das verlorene Band des Menschen zur Natur, seine Verbindung zum Netz (Alexander von Humboldt) und Baum (Charles Darwin) des Lebens, wird in „Avatar“ sichtbar durch das Tswin (Netz des Lebens) oder Eywa (Baum des Lebens) und der gesamten Biosphäre von Pandora.
Die Frage, die Cameron uns stellt, ist: Was sollen wir Zivilisations-Menschen als Kinobesucher von „Avatar“ also tun, wenn wir a posteriori die Kinos nach unserer Leinwand-Erkenntnis und Miley Cyrus’ Titelsong im Abspann verlassen? Wenn wir wieder wie aus der Büchse der Pandora in unsere eigene Welt entlassen werden, wohlwissend über unser „Crime of the Century“, die Zerstörung der Natur durch unsere Lebensweise? Was sollen wir tun, wenn wir das „I see you“ bei unserer eigenen „Erdmutter“ zulassen würden, wenn wir den Geist von Eywa in unseren Mitmenschen, Mit-Tieren und Mit-Pflanzen entdeckten? Wenn wir sehenden Auges – nun da wir andere Welten geschaut haben – erkennen, daß nicht nur Popcorn für uns aus der Maschine im Foyer quillt, sondern uns auch ein Netz des Lebens nährend umgibt und fein gesponnen beschützt? Dass wir die Maisfelder für’s Popcorn im Foyer falsch bewirtschaften? Sollen wir uns nur darüber erschrecken, dass wir als Erdenmenschen von unserer geistigen Himmelswelt hinab über die Natur der Erde hergefallen sind, um sie nach unseren geistigen Vorstellungen und unserem gewaltigem Willen („Macht euch die Erde untertan!“) zu gestalten und dabei vor unseren eigenen Augen zu zerstören?
Wenn wir „als Eins träumen“ von hoch oben aus in der „Zitadelle des Geistes“ (Charles Darwin) und unseren Himmel schauen, sehen wir dann unsere eigene Asche herunterschneien?
Sollen auch wir im Angesicht von fast vollständig vollzogener Naturzerstörung durch unsere kapitalistisch-konsumistisch-koloniale Lebensweise zur Gewalt greifen? Gegen uns selbst? Sollen wir uns auf die verlorene Verbindung, das Band zur Natur besinnen, das wir erst aus Angst vor der Natur, dann aus vermeintlicher Allmacht über sie durchtrennt haben?
Was sollen wir nur tun? Noch fünf Jahre. Gemeinsam träumen? Ja! Bitte! „Even through the ashes in the sky.“
Denn, wenn uns Hollywood etwas erzählt, dann das: Another world is possible! „Eywa“ hat hier auf der Erde seit 3.8 Milliarden Jahren einen durchgehenden Lebensfaden durch Berge und Täler, aufgebauschte Himmel und lang vergangene Höllen geflochten. Wir sind ihr schönster Haarkranz und Geistestanz. Wir sind nicht die Büchse der Pandora.
Wir Menschen sind die Schönheit des Universums, wir sind nicht seine Vergewaltiger.
Das ist nicht, wofür wir hier sind, das ist nicht unser Job.
Never has been.
Platon hatte eine „Akademie“ gegründet , damit wir uns daran erinnern, was unser Job ist, Cameron hat „Avatar“ gedreht. Seit Platon hängen wir bequem und geschützt im Netz des Lebens wie in einer Hängematte unterm Baum des Lebens und hatten bisher alle Zeit der Welt zum Philosophieren. Wir haben es uns in Platons Höhle gemütlich gemacht und den Schatten an der Wand zugeschaut – jetzt, in Zeiten von Cameron‘s virtueller Camera haben wir diese 2000 Jahre plus nicht mehr.
Erinnern wir uns an unseren Job!
Gemeinsam.
“Even through the ashes in the sky.”